Pressefreiheit ist eine wichtige Grundlage unserer Demokratie. Doch auch in Deutschland geraten Journalist*innen zunehmend unter Druck: Bedrohungen, Angriffe und wirtschaftliche Herausforderungen erschweren ihre Arbeit. Im aktuellen Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RSF) ist Deutschland auf Platz 14 abgerutscht.
Doch wie entsteht diese Rangliste eigentlich? Was sagt sie über die Situation der Pressefreiheit aus und warum betrifft das Thema nicht nur Medienschaffende, sondern uns alle? Darüber haben wir mit Katharina Viktoria Weiß, Pressereferentin bei Reporter ohne Grenzen (RSF), gesprochen. Im Interview erklärt sie, welche Entwicklungen besonders besorgniserregend sind und warum unabhängiger Journalismus für unsere Gesellschaft so wichtig ist.
Frau Weiß, wie entsteht die Rangliste der Pressefreiheit eigentlich? Was wird dort erhoben?
Die Rangliste misst nicht, ob uns ein Land politisch gefällt, sondern wie frei Journalist*innen dort tatsächlich arbeiten können. Bewertet werden 180 Länder und Territorien anhand von fünf Bereichen: politischer Kontext, rechtlicher Rahmen, wirtschaftliches Umfeld, gesellschaftliches Klima und Sicherheit. Grundlage sind einerseits konkrete Daten zu Angriffen, Verhaftungen oder Tötungen von Medienschaffenden, andererseits Einschätzungen von Expert*innen wie Journalist*innen, Forschenden, Medienjurist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen. Am Ende steht ein Wert zwischen 0 und 100: Je höher der Wert, desto besser die Lage der Pressefreiheit.
Deutschland ist 2026 um drei Plätze auf Rang 14 gefallen. Was genau hat sich verschlechtert?
Deutschland ist kein Land, in dem Journalist*innen systematisch eingesperrt werden – aber es ist auch kein pressefreiheitliches Musterland mehr. Der Druck kommt weniger durch klassische Zensur als durch ein raueres Klima: Hass, Diffamierung, Doxxing, Bedrohungen und Angriffe bei Demonstrationen oder Recherchen in extremistischen Milieus. RSF hat für 2025 insgesamt 55 Angriffe auf Medienschaffende und Redaktionen verifiziert; besonders gefährlich waren politische Versammlungen, dort ereigneten sich 41 von 46 körperlichen Attacken. Dazu kommen strukturelle Probleme: digitale Hetze bleibt oft folgenlos, lokale Medien stehen wirtschaftlich unter massivem Druck, gemeinnütziger Journalismus ist weiterhin nicht ausreichend rechtlich abgesichert, und Sicherheitsgesetze gefährden journalistischen Quellenschutz.
Rankings werden auch kritisiert. Was entgegnen Sie dieser Kritik?
Jede Rangliste vereinfacht Realität – das stimmt, denn ein Grundrecht ist schwierig zu messen. Aber ohne Vergleichswerkzeuge blieben viele Entwicklungen unsichtbar: schleichende Verschlechterungen, regionale Muster, gefährliche Trends. Die Rangliste ist deshalb kein Schönheitswettbewerb und kein moralisches Urteil über Gesellschaften, sondern ein Warnsystem. Entscheidend ist nicht nur der einzelne Platz, sondern die Entwicklung dahinter: Wenn ein demokratisches Land Jahr für Jahr abrutscht, kann es viel über die Situation im Land aussagen. Mit dem Blick auf internationale Platzierungen kann die Rangliste, die als Weltkarte visualisiert wird, Menschen beispielsweise vor einer Reise Auskunft über ihr vermeintlich paradiesisches Urlaubsland geben: Denn Pressefreiheit ist meistens auch ein Gradmesser für die Menschenrechte in einer Region.
Was würden Sie gerne im Zusammenhang mit dem Thema Pressefreiheit loswerden?
Pressefreiheit ist kein Sonderrecht für Journalist*innen. Im Kern schützt sie das Recht von uns allen auf verlässliche Informationen. Denn nur wer Zugang zu unabhängiger, sorgfältig recherchierter und vielfältiger Berichterstattung hat, kann sich eine eigene Meinung bilden und informierte Entscheidungen treffen – bei Wahlen ebenso wie im Alltag.
Dieses Recht braucht eine funktionierende Infrastruktur: unabhängige Redaktionen, starke Lokalmedien, einen staatsfernen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sichere Arbeitsbedingungen für Journalist*innen und einen fairen digitalen Informationsraum. Wenn diese Strukturen geschwächt werden, wenn Medienschaffende eingeschüchtert werden oder Desinformation investigative Recherche verdrängt, verliert die gesamte Gesellschaft.